“Hat mir auch nicht geschadet.“ Doch, hat es.

Das Mittagsjournal eines Privatsenders titelte auf seiner Facebook Seite folgende Zeilen:

„Mamas und Papas aufgepasst!
Damit unsere Kinder uns nicht auf der Nase herumtanzen, müssen auch mal Grenzen oder Strafen eingesetzt werden. Doch wie funktioniert das im Alltag? […]“

Damit hatten sie eine heftige Diskussion ausgelöst, die nach aktuellem Stand weit mehr als 700 Kommentare zu verzeichnen hatte. Neben einigen klugen und warmherzigen Worten gab es leider auch das krasse Gegenteil:

Es war zu lesen von Menschen, die Babys bestrafen (wie und weshalb – darauf bekam ich leider noch keine Antwort), von Hausarrest-Empfehlungen bis hin zur absoluten “Mir hats auch nicht geschadet“-Rhetorik mit tiefsitzenden Glaubensmustern wie, O-ton: ,,Also aus mir wäre ohne strikte Erziehung nichts geworden. Kinder sind Egoisten, die brauchen nun mal Regeln und Strafen, wenn sie nicht hören.“

Letzteres nennt man im Kern Täter-Opfer-Umkehr. Das Opfer von (Erziehungs-)gewalt wird, um das eigene Fehlverhalten zu legitimieren, zum Täter deklariert. Die Verantwortung wird also dem Opfer zugeschoben:

“Ich musste so handeln, weil du mich dazu gebracht hast.“

Neu ist diese Denkweise nicht. Populär wurde der Begriff des “Victim blaming“ nach den 70er Jahren durch Vergewaltigungsprozesse in den Vereinigten Staaten. Auch in der Rassismusforschung und in der Psychologie findet er Anwendung. Beispielsweise dann, wenn Narzissten ihrem Gegenüber die Schuld an ihren eigenen Wutausbrüchen zuschreiben.

Viele der Kommentatoren unter diesem Beitrag, wie auch die meisten anderen dieser Sorte, beklagen einen zunehmenden Werteverfall innerhalb der Gesellschaft. Es ist immer dieselbe Argumentation:

,,Was aus Kindern, die nicht “ordentlich“ erzogen werden wird, sieht man auf Deutschlands Schulhöfen. Sie prügeln, erpressen Mitschüler, mobben Lehrer in die Psychatrie oder dealen mit Drogen. Da leistet nur eine konsequente Erziehung mit Strafen, massiver Grenzsetzung und Beschneidung der Selbstbestimmung Abhilfe.“

Schaut man sich dann die weiteren Ausführungen derjenigen an, so wird schnell klar, dass auch das die bittere Realität ihrer eigenen Kindheit gewesen sein muss. Verletzt und beschämt zu werden, das kennen viele. Gedanken nicht frei äußern, Wünsche nicht leben, Grenzen nicht aussprechen oder für das kritisiert zu werden, was man ist. Nur die Mutigsten von ihnen, so scheint es, schauen sich ihren Schmerz als Erwachsene an. Nur wenige benennen das, was ihnen traurigerweise widerfahren ist: Gewalt.

Gewalt ist eine Spirale

Die Eltern werden weiter idealisiert, die negative Beziehungserfahrung oder das Trauma verdrängt, Gefühle abgespalten und schlimmstenfalls wird die erlittene Gewalt in der Beziehung zu den eigenen Kindern reproduziert. Der Kreis schließt sich.

Dabei leiden diese verletzten Kinder in den Erwachsenenkörpern still vor sich hin. Menschen, denen jedwede Empathie und Verständnis für andere fehlt. Menschen, die glauben, Anerkennung und Wertschätzung müsse man sich erarbeiten, Menschen, die starr und grob geworden sind, zu harten, kalten Schalen verkommen, ohne die Fähigkeit sich in die Schwächsten in unserer Gesellschaft hineinzuversetzen. Menschen, die ihr Leben lang gelernt haben ihre eigenen Bedürfnisse zu unterdrücken, die ihre Gefühle verdrängen, die Weinen als Zeichen von Schwäche empfinden.

Und da muss ich entschieden entgegnen: ,,Doch, dir hat Erziehung auch geschadet! Und: Es tut mir wahnsinnig leid für dich, dass du diese Erfahrungen machen musstest.“

Ich verstehe, wenn Menschen an Konstrukten festhalten, die ihnen Halt und Sicherheit geben. Der Traum von einer schönen Kindheit ist etwas absolut Wünschenswertes. Aber in vielen Fällen ist es eben das: ein Traum, der nie so wirklich Realität wurde.

Und um diesem Mangel in all seiner Heftigkeit nicht ausgeliefert zu sein, wählen viele eben den Weg des Vergessens und Verdrängens. Ja, das funktioniert – eine Zeit lang. Doch was sagt es aus über uns?

Sind wir dann wirklich die harten, toughen fest-im-Sattel-sitzenden Persönlichkeiten, die wir uns selbst so gern bescheinigen? Oder sind wir im Kern nichts weiter als gut ausgebildete Schauspieler, die es verstehen in Rollen zu schlüpfen, von denen wir glauben, dass sie uns aus dem Sichtfeld der abwertenden Blicke unserer Eltern bringen?

Diese Frage ist sehr provokativ – ich weiß. Und nur du kannst sie für dich beantworten.

Ich weiß, auch du willst es nur gut machen, deine Eltern zufrieden stellen, geliebt werden und ihnen beweisen, dass du nicht so bist, wie sie dich sehen wollen. Ja, dahinter steckt ein langer Leidensweg. Ich hab ihn größtenteils hinter mir.

Wie den Weg herausfinden?

Es gibt mehrere Wege, wenn du für dich entschieden hast, den Kreislauf durchbrechen zu wollen.

Reflektieren, reflektieren

Ja, das ist nervig, aufwühlend und benötigt Zeit. Manche Themen brauchen länger, weil sie tiefer in uns verwurzelt sind. Ich beispielsweise arbeite aktiv nun schon seit 7 Jahren an ein und demselben Glaubenssatz. Aber es lohnt sich. Es ist der nachhaltigste Ansatz, wie ich finde, aber es erfordert Mut und einen starken Veränderungswillen.

Mit anderen darüber reden

Im Austausch zu sein, diesen Schmerz in Worte zu kleiden, es auszusprechen und damit ein kleines Stück loszulassen, das kann total befreiend wirken. Manchmal labere ich meine Liebsten einfach nur voll, ohne dass ich eine Antwort möchte. Da geht es mehr darum, das Unfassbare greifbar zu machen, um es dann am Schopf packen und entsorgen zu können.

Therapeutische Unterstützung

Gerade bei schwerwiegenden Traumata empfiehlt sich eine Begleitung durch einen Psychotherapeuten. Bitte informiere dich bei deiner Krankenkasse nach Therapeuten in deiner Nähe, wenn du merkst, dass du ohne Hilfe nicht weiter kommst oder es dir damit einfach nicht gut geht. Es ist okay.

Bedürfnisse erkennen lernen und erfüllen

Ganz wichtiger Schritt! Heute habe ich im Gespräch mit einem nahe stehenden Menschen wieder feststellen dürfen, wie wichtig und gleichzeitig schwierig es für manche ist, überhaupt ein Bedürfnis benennen zu können, was nichts mit dem Verhalten des Anderen zu tun hat. Es gibt kein Bedürfnis seinem Kind die Xbox zu verbieten, weil es sich im Ton vergriffen hat. Es gibt auch kein Bedürfnis nach Erziehung oder Grenzen. Bleib bei dir. Was fehlt dir gerade?

Gefühle zulassen, fühlen und achtsam beschreiben

Eins der häufigsten Probleme, die durch Erziehung gerade in den vorherigen Generationen entstanden ist, ist die Schwierigkeit, Gefühle zuzulassen, ihnen Raum zu geben, sich nicht für sie zu schämen und sie zu unterscheiden. Mir begegnet es immer wieder, dass anstelle von Trauer oder Enttäuschung heftige Wut steht. Dass Menschen statt zu weinen oder ihrem Frust durch konstruktive Gespräche Ausdruck zu verleihen, einfach ausrasten, mit Verletzungen um sich werfen und andere abwerten. Das ist insofern problematisch, da so ein Zerrbild der Wirklichkeit entsteht, das letztlich auch die Frage nach dem zugrunde liegenden Bedürfnis und seiner Befriedigung erschwert.

Was können wir aus diesen und ähnlichen Diskussionen für uns mitnehmen?

Dass es Individuen gibt, die gegen beziehungsorientierte Elternschaft sind und am liebsten mit dem Holzhammer vorausgehen?

Nein.

Bei aller Brisanz, die dieses Thema mit sich bringt und bei all der notwendigen Klarheit, mit der verschiedene Menschen, allen voran Aida S. de Rodriguez, für die Rechte (junger) Menschen kämpfen (ihre Antwort auf den Social Media Aufruf verlinke ich Euch hier), sehe ich da auch eine Herausforderung für uns als Gemeinschaft eben diese Menschen zu sehen, ihnen trotz ihrer gewaltvollen Haltung mit Mitmenschlichkeit und Respekt zu begegnen. Offen zu sein für ihre Geschichten, für ihren Schmerz, der hin und wieder aufleuchtet, nur um kurz darauf wieder zurück in die dunkle Truhe am Boden des Unterbewusstseins zu verschwinden.

Nein, ich sage nicht, dass wir Verständnis für Täter haben müssen oder uns mit ihnen belasten sollen.

Gewalt ist Gewalt. Punktum!

Es sollte klar sein, dass es da keine Abstufungen, kein schädlich oder weniger schädlich geben kann. Denn Gewalt, egal welcher Couleur, schadet. IMMER.

Aber wir können, sofern wir es wollen, zuhören. Denn wir dürfen davon ausgehen, dass da am anderen Ende des Internets ein Mensch sitzt, der von Unerzogen und #gewaltfreiekindheit noch nie etwas gehört hat, der eventuell nicht das Privileg hatte zu studieren und sich mit gewissen Themen auseinander zu setzen, der selbst in prekären unsicheren Familienkonstellationen aufwuchs und auch heute noch lebt. Der eben niemanden als Inspirationsquell hat, den er anzapfen könnte.

Ich für meinen Teil bin überzeugt davon, dass alles mit allem verbunden ist, dass wir in Resonanzen leben. Und manchen Widerhall hören wir nicht mehr, weil wir schon zu weit weg sind.

In diesem Sinne,

eine friedliche Zeit Euch.

Eure Steffi

Ein Gedanke zu ““Hat mir auch nicht geschadet.“ Doch, hat es.

  1. Pingback: “Du willst doch nur Aufmerksamkeit!“ – ,,Ja, richtig!“ | Herzgebunden

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